Würdet ihr über uns Bescheid wissen, ihr würdet anders denken

Kein Mensch ist illegalFür Samstag, den13.12.14, hatten Flüchtlinge und Asylbewerber in Chemnitz selbst eine Demonstration vorbereitet und organisiert. Unterstützt wurden sie dabei von einer Reihe Chemnitzer, u.a. vom Studentenrat, von der antifaschistischen Bewegung „Chemnitz Nazifrei“ und der MLPD. Laut Medien namen rund 400 Menschen an der Demo teil. Die Sprecherin, selbst Flüchtling aus dem Iran, eröffnete die Auftaktkundgebung. Spontan waren Teilnehmer bereit, die Reden der Flüchtlinge zu übersetzen. Die Flüchtlinge kämpfen

  • für menschenwürdige Behandlung und demokratische Rechte. Gegen die Behandlung als Kriminelle.
  • für das Recht, in Deutschland eine Arbeit aufzunehmen zu dürfen.
  • für das Recht, sofort nach Ankunft Deutsch zu lernen.
  • für das Recht, sich eine Wohnung zu mieten. Gegen die Zwangsunterbringung in Heimen, die wie Lager empfunden werden.
  • für die Freiheit, sich innerhalb von Deutschland zu bewegen, und gegen die Residenzpflicht, die es verwehrt, Familienangehörige zu besuchen. Das ist nur mit „Urlaubsschein“ gestattet, was man an der Ausländerbehörde beantragen muss, die nur acht Stunden in der Woche geöffnet hat.
  • für das Recht, als Familienangehörige zusammen zu bleiben, anstatt auf verschiedene Bundesländer aufgeteilt zu werden.

Die Demonstration war laut und kämpferisch. Auch Regen und Kälte konnte die solidarische Stimmung nicht beeinträchtigen. Es hätten mehr sein können. Doch Asylbewerbern aus Dresden war der „Urlaubsschein“ nach Chemnitz verweigert worden.

In den Redebeiträgen kam klar zum Ausdruck, dass die Behandlung der Flüchtlinge menschenunwürdig ist. Sie schilderten ihre Situation.
Ein Flüchtling aus Lybien wies darauf hib, daß viele Asylbewerber eine gute Ausbildung haben. Warum wird ihnen verwehrt, hier einen Beitrag zu leisten?
Ein 16jähriger Jugendlicher aus Syrien berichtete, daß er seine Eltern verloren hat, und sich über die Türkei und Griechenland vier Monate lang nach Deutschland durchkämpfte. Er habe Bekannte in Dortmund, doch eine Reise zu ihnen wird ihm verwehrt.

Mehrere Redner unterstützten die Flüchtlinge, darunter ein Professor der TU Chemnitz sowie ein Sprecher des Studentenverbands der LINKE. Am offenen Mikrofon drückten viele, u.a. auch die VVN, ihre Solidarität aus. Mit Blick auf das Karl-Marx-Monument, wo die Abschlusskundgebung stattfand, wurde dieser zitiert: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch.“ Das schließt die Flüchtlinge ein.

An die Teilnehmer einer gleichzeitig stattfindenden Gegendemo von rechter Seite gerichtet erklärten sie: Würdet ihr über uns Bescheid wissen, ihr würdet anders denken.

Die Gegenkundgebung fand unter dem Motto „Chemnitz wehrt sich“ statt. Welche Chemnitzer „wehren“ sich? Und gegen wen? Gegen die Armen und Schwachen? Diese Leute sprechen nicht für unsere Stadt. Denn viele Chemnitzer unterstützen die Flüchtlinge. Bei der Aktion „Weihnachtspäckchen für Flüchtlinge“ wurden z.B. über 1.100 große und kleine Weihnachtspäckchen im Rathaus abgegeben.

Doch bei der Gegendemonstration waren die Reden von dumpfen Ängsten, Unsachlichkeit und Vorurteilen geprägt. Im Hintergrund ziehen faschistische Kreise die Fäden. Seit Monaten werden immer wieder Demos gegen Asylbewerberheime organisiert. Die Demonstration der Flüchtlinge, von ihnen selbst organisiert, war in dieser Situation ein mutiger Schritt nach vorn.

Gastautor, Chemnitz

rz ist der Autor bekannt. K.W.

Verwandte Artikel

Lesen Sie auch die aktuellen
Artikel auf der

Titelseite der RandZone

Zur Titelseite »
Artikel drucken Artikel drucken

Sie können einen Kommentar schreiben. Pings sind abgeschaltet.

· read: 717 · today: 2 · last: 22. Februar 2018

Kommentar schreiben

*

Design: NewWPThemes || Redesign/Webmaster: Nick's Café - Webdesign