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Die Panzer und Leichensäcke des Bundespräsidenten
Von Klaus Wallmann sen. | 10. Oktober 2009
In einer Rede zum 60-jährigen Bestehen der Bundespressekonferenz rügte Bundespräsident Köhler am 08.10. die versammelten Journalisten. Gerade die Medien hätten in einer Demokratie eine große Verantwortung. Das setze Sachverstand voraus, der bei einigen Journalisten zu wünschen übrig ließ. Zu oft würden Aussagen anderer Journalisten einfach übernommen, ohne sie zu hinterfragen. Natürlich gebe ich ihm in der Sache absolut recht, denn auch unsere “Freie Presse” beweist die Berechtigung seiner Kritik in schönster Regelmäßigkeit. Allerdings hätte Herr Köhler beachten müssen, daß seine Kritik nicht auf ihn zurückfällt.
Denn kurz nach der oben genannten kritischen Rede paraphrasierte Köhler anläßlich ihres 20. Jahrestages über die friedliche Revolution in der DDR. Weit mehr als die gescholtenen Medien dürfte der Bundespräsident an Verantwortung tragen. Weit mehr also müßte er Aussagen prüfen und “hinterfragen”, bevor er sie in einer so überaus wichtigen Rede vor tausenden Live-Gästen und Millionen Fernsehzuschauern zum Besten gibt. Offensichtlich hat Herr Köhler versäumt, was er den Journalisten ins Stammbuch schrieb.
“Zeugenaussagen und Dokumente belegen: (…) Vor der Stadt standen Panzer (…) und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt”, so Köhler in seiner Rede. Damit stößt er bei Zeitzeugen und Historikern auf Widerspruch. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) nennt diese Darstellung freundlicherweise “nicht korrekt”. Doch wenn es laut den sorgfältigen und intensiven Recherchen des MDR weder Panzer vor der Stadt gab, noch Blutplasma oder Leichensäcke bereitgestellt wurden, so würde ich einen etwas stärkeren Begriff wählen. Und wenn der Leiter der Feature-Redaktion beim MDR-Hörfunk, Ulf Köhler, vermutet, daß sich der Bundespräsident auf ein bekanntes Buch* gestützt habe, das teils falsche Fakten nennt, so ist das weder eine Entschuldigung für Horst Köhler’s Literaturpräferenzen, noch gereicht die verwendete Formulierung Ulf Köhler zur Ehre: “Falsche Fakten” sind nun mal keine Fakten.
Darauf weist auch ein bekannter Zeitzeuge gegenüber der Nachrichtenagentur dpa hin. Köhlers Angaben seien keine Fakten, sondern Gerüchte, die “damals am 9. Oktober in der Stadt die Runde gemacht” haben. “Die SED wollte die Leute so einschüchtern, dass sie nicht zur Demonstration kommen.” Zu Köhlers “Leichensäcken” sagte der Zeitzeuge: “Das Wort Leichensäcke habe ich im Zusammenhang mit dem 9. Oktober 1989 heute zum ersten Mal gehört.”
Der Bundespräsidialamtssprecher betonte nach dem Aufkommen der Kritik: “Selbstverständlich werden wir die Angaben nochmals überprüfen … Sollte sich herausstellen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist, so würden wir das sehr bedauern.” Das ist schön und gut. Doch ich wage zu bezweifeln, daß der Bundespräsident für das unausweichliche Dementi seiner Lügen den gleichen öffentlichen Rahmen schaffen wird, wie für deren Präsentation. Im ideologischen Kampf um die Deutungshoheit über die Geschichte wird die entschuldigende Gegendarstellung eine kleine Randnotiz bleiben, von wenigen beachtet. Wie immer. Und wie immer wird von dem geworfenen Dreck etwas hängen bleiben.
Klaus Wallmann sen.
NACHTRAG 12.10.2009:
* Gemeint ist offenbar der Band “Die Friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90″ des Historikers Michael Richter, eines Mitarbeiters des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung in Dresden.
Der frühere Pfarrer der Nikolaikirche Leipzig – einem Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen –, Christian Führer, setzte den Köhlerschen Lügen noch eins drauf. Er erklärte am Sonnabend gegenüber dpa die Diskussion um die Präsidentenrede sei “völlig unangemessen” und fügte hinzu: “Die Lage war ja so, daß geschossen werden sollte.”
Der ehemalige Staatschef der DDR und Generalsekretär der SED, Egon Krenz, reagierte am Sonntag mit der Erklärung: “Ich bin betroffen, daß der Bundespräsident in seiner Rede zum 9. Oktober aus Gerüchten, die 1989 kursierten, nachträglich Tatsachen macht. Die DDR-Führung hat weder Panzer vor die Stadt Leipzig beordert noch hat sie Befehle zum Schießen auf Demonstranten gegeben. Das kann ich auf meinen Eid nehmen. Wer anderes sagt, legt falsch Zeugnis ab.”
Köhler hat bereits mehrfach mit verlogenen Behauptungen z.B. über einen angeblich von der DDR-Führung selbst eingestandenen wirtschaftlichen Bankrott nur im Osten Aufsehen erregt. Die amtliche DDR-Schlußbilanz der Bundesbank von 1999, die Zahlungsfähigkeit bescheinigte, erwähnt der Exchef des Internatinalen Währungsfonds öffentlich nicht.
Wenig bekannt dürfte auch eine Bemerkung Köhlers sein, die der Publizist Michael Jürgs 1997 veröffentlichte. Danach hatte der damalige Finanzstaatssekretär Köhler als treuer Gefolgsmann der Kohlschen Anschlußpolitik vor den Bundestagswahlen im Herbst 1990 alle Pläne zum massenhaften Abbau von Arbeitsplätzen in Ostdeutschland geheimgehalten. Am 21. Januar 1991 traf sich dann der Treuhand-Präsidialausschuß im Kölner Hotel Exelsior. Erst dort habe Köhler verlangt, in der ehemaligen DDR-Industrie müsse “auch mal gestorben” werden, weil man nicht alle durchschleppen könne. Blut müsse fließen, natürlich nur im übertragenen Sinne.
Quelle der Zitate: junge Welt
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