Eine deutsche Tragödie

Der Artikel des argentinischen Soziologen Atilio Borón erschien zuerst am 19. Juli in der argentinischen Tageszeitung Página. Die deutsche Übersetzung gibt es jetzt in der deutschsprachige Internetausgabe der kubanischen Tageszeitung „Granma“, dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas.

Die Tragödie hat als wesentliche Komponente die Schicksalhaftigkeit eines schrecklichen und unausweichlichen Ausgangs. Für Griechenland, in dem Aufsehen erregenden Fall der öffentlichen Verschuldung? Nein, nicht für Griechenland, sondern für Deutschland, ein Land, dessen Führung dafür prädestiniert scheint, am laufenden Band historische Katastrophen zu produzieren. Zwei Weltkriege im zwanzigsten Jahrhundert und jetzt, treu seiner düsteren Geschichte, eine Wirtschaftskatastrophe, die in Griechenland, als schwächstem Glied der Kette begann, von der aber niemand weiß wo sie endet.

Das sind die Tatsachen: Am Montagmorgen überbrachten die Finanzminister der Regierungen der Eurozone eine bedingungslose Kapitulation im Wirtschaftskrieg und der laufenden Politik. Dem finnischen Finanzminister Alexander Stubb fiel die unehrenhafte Rolle zu, die Kapitulationsklauseln bekanntzugeben, die ihm von den deutschen Bankern vorgegeben wurde und die ihre Mentoren mehr als ihre Opfer mit Schande bedeckt …

Wenige Male in der Geschichte war ich Zeuge eines solch infamen Aktes wie diesem, bei dem eine Gruppe von Banditen in Anzug und Krawatte beschließt ein unabhängiges Land in eine indigene Kolonie der Troika zu verwandeln, die heute faktisch Europa regiert zum Preis eines Endes der europäischen Demokratie. Für den Nobelpreisträger für Wirtschaft Paul Krugman ist diese dreiste Initiative, die unter der Eingebung der Wachhunde des neoliberalen Gedankenmodells getroffen wurde, außerdem ein Schachmattzug für das europäische Projekt. Vom Gesichtspunkt der Wirtschaftspolitik aus ist die von den Euro-Finanzministern ausgearbeitete Liste von Forderungen, schlicht und einfach „verrückt“

Aber da ist noch etwas, das Krugman nicht entgeht: diese bedingungslose Niederdrückung ist ein Akt „purer Rachsucht, der zur völligen Zerstörung der nationalen griechischen Souveränität führt, ohne jegliche Hoffnung auf Erleichterung oder Rettung“. Im Grunde ist es ein Vorschlag, den keine Regierung Griechenlands (oder irgendeines anderen unabhängigen Landes) akzeptieren kann, ohne in einen unverantwortlichen neokolonialen Status zurückzufallen. Außerdem wird, wenn man das von Brüssel geschickte Rezept annimmt, sich die griechische Wirtschaft nicht verbessern …

Was von ihm gefordert wird ist eine Kapitulation auf ganzer Linie: Es genügt nicht der Sturz der Syriza Regierung, die die Kühnheit besaß sich zu widersetzen und auf die Demokratie zu setzen, zu einer Bürgerbefragung aufzurufen, die entscheiden sollte, welchen Kurs die Regierung einschlagen sollte, um die Krise zu bewältigen. Im Einklang mit der schlimmsten autoritären Tradition Deutschlands, die ihren höchsten und abscheulichsten Punkt in den unheilvollen Jahren des Nazismus hatte, aber die sich im Laufe der Geschichte bei unzählichen Gelegenheiten offenbart hat. Das was Angela Merkel, ihre Kumpanen in der Regierung und die Banker, denen sie dienen, verfolgen, ist die Auferlegung einer erniedrigenden Kapitulation, die als präventive Warnung für alle anderen europäischen Völker dient, die auch von Schulden beeinträchtigt sind.

Man strebt nicht nur die Niederlage von Syriza an, sondern möchte auch sichergehen, dass die Schande und die Schmach der rebellischen Griechen unauslöschbare Spuren hinterlassen, damit es niemandem mehr einfällt, die Befehle der Banker und der Politiker, die in ihrem Namen regieren, zu missachten …

Mit ihrem schändlichen Kommuniqué werfen die europäischen Regierungen die demokratischen Illusionen und das Projekt eines definitiv versöhnten Europas über Bord … Das, was jetzt zählt, das einzige, was jetzt zählt, ist die Rendite des Finanzkapitals …

Dies alles zu dem Taktstock von Angela Merkel, die eines der wenigen Länder Europas regiert, in denen nie eine Volksrevolution erfolgreich war. Alle wurden mit Blut und Feuer niedergeschlagen. Und außerdem eine, die es immer schaffte, ihre Schulden nicht zu begleichen …

Das Problem ist, dass Berlin jetzt nicht bereit ist, die gleichen ethischen und politischen Prinzipien aufrechtzuerhalten, die ihm beim Ausgang des Zweiten Weltkriegs zugute kamen. Wie der finstere Shylock im „Kaufmann von Venedig“ fordert es ein um das andere Mal mit teutonischer Sturheit sein Pfund Fleisch. Auch wenn davon das Leben Griechenlands abhängt. Eine Tragödie, wie wir zu Anfang sagten. Aber keine griechische, sondern eine deutsche. Das von Griechenland ist dagegen ein heroisches Epos.

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· read: 2973 · today: 5 · last: 24. November 2017

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