Todesfälle durch multiresistente Keime in Kieler Klinikum – alles andere als „Schicksal“

Seit dem 11. Dezember haben sich im Universitätsklinikum Kiel (UKSH) 31 Patienten der Intensivstation mit einem multiresistenten Keim infiziert. Das sollte zunächst der Öffentlichkeit vorenthalten werden und wurde erst am 23. Januar in einer Presseerklärung bekannt gegeben. Die Todesfälle wurden sogar erst auf Nachfrage bekannt. Zwölf Keimträger sind mittlerweile gestorben, bei drei Fällen schließt das Klinikum nicht aus, dass der Keim bei den stark geschwächten Patienten zum Tod geführt hat oder zumindest dazu beigetragen hat.

„Schicksalhaft“ nennt UKSH-Chef Jens Scholz den Vorgang. Der Verlauf zeigt jedoch deutlich, dass die tragischen Folgen alles andere als schicksalhaft sind. Ein 74-Jähriger hatte sich im Türkei-Urlaub schwer verletzt, lag zunächst dort im Krankenhaus, ließ sich aber am 11. Dezember nach Deutschland zurückholen. Der Mann galt als Risikopatient und wurde sofort bei der Einlieferung auf Keime getestet. Das Ergebnis lag allerdings erst am 23. Dezember vor. Bis dahin kam der Patient in ein Drei-Bett-Zimmer auf der chirurgischen Intensivstation, weil dort kein Isolierzimmer mehr frei war. Als das Testergebnis endlich vorlag, hatten sich die Bettnachbarn bereits mit den Keimen angesteckt.

Fehlende Isolierzimmer zudem auf Intensivstationen sind wahrhaftig kein „Schicksal“, sondern den drastischen Ausgabenkürzungen in vielen Krankenhäusern geschuldet, die immer mehr auch auf Kosten von Hygiene- und Sicherheitsstandards gehen. Das gleiche trifft für die Rechtfertigung der Klinikleitung zu, man habe den Patienten ja erst nach Eintreffen des Testergebnisses gegen den multiresistenten Keim behandeln können.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der Niederlande, wo aus der wachsenden Verbreitung von multiresistenten Keimen (MRSA) Konsequenzen gezogen wurden. Dort werden alle Patienten vorsorglich einem MRSA-Test unterzogen, schon bei Verdacht und erst recht bei Nachweis des Erregers werden sie isoliert. Während in Deutschland die Zahl der MRSA-Infektionen 2012 bei gut 15 Prozent lag, bewegt sie sich in den Niederlanden seit Jahren im einstelligen Bereich. In Deutschland wird die jährliche Zahl der Todesfälle durch Infizierung mit multiresistenten Keimen in Krankenhäusern auf 40.000 bis 50.000 geschätzt. Das könnte durch Eingangstests und Isolierung von Risikopatienten erheblich gesenkt werden.

Ein Hauptgrund für die wachsende Bedrohung durch multiresistente Keime ist die von den großen Agrarkonzernen betriebene Ausdehnung der Massentierhaltung in Ställen. Der massenhafte und pauschale Einsatz von Antibiotika fördert ihre Vermehrung sprunghaft. Der Schwerpunkt der Brutstätten hat sich deshalb von den Kliniken hin zu Massentierbetrieben verlagert. Über die Abluft aus den Ställen und den Kot der Tiere werden die resistenten Bakterien auf Menschen übertragen. Durch den Gülle-Dünger sickern sie in die Böden und ins Wasser, über den Salat oder die Kartoffeln kommen sie dann auf die Teller der Verbraucher: Selbst wer auf Fleischkonsum verzichtet, ist gefährdet.

Noch sind deutschlandweit nur etwa zwei Prozent aller erfassten Infektionen mit resistenten Keimen definitiv auf die Variante aus dem Stall zurückzuführen. In nutztierreichen Gegenden wie dem Münsterland oder dem südwestlichen Niedersachsen liegt der Anteil aber schon bei zehn Prozent. Notwendig ist deshalb der Kampf gegen die Massentierhaltung genauso wie das Eintreten für mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und Hygienevorkehrungen in den Krankenhäusern. Eine artgerechte Tierhaltung in der Landwirtschaft kann nur gegen die Profitinteressen der Großagrarier und Agrarkapitalisten durchgesetzt werden. Anliegen, für die sich die Umweltbewegung eng mit den Beschäftigten im Gesundheitswesen, den Patienten und der Masse der Bevölkerung zusammenschließen muss.

Mehr zu Hintergründen kann man im Buch „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“ nachlesen – es kann hier bestellt werden.

Quelle: rf news online, 28.01.2015

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· read: 1364 · today: 2 · last: 29. Juli 2016

Ein Kommentar zu “Todesfälle durch multiresistente Keime in Kieler Klinikum – alles andere als „Schicksal“”

  1. walter dyroff sagt:

    „mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen und Hygienevorkehrungen in den Krankenhäusern. “
    Wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?
    Eine steuerliche Belastung großer Vermögen ist die unbedingte Voraussetzung. Es macht keinen Sinn
    Billionen an die Aktionäre zu verteilen, die das Geld nur ins Kasino tragen.

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