Die Mauer muß weg!

Die Mauer in IsraelSeit Tagen beginnt nahezu keine Sendung des Staatsfernsehens, ohne auf den bevorstehenden 9. November hinzuweisen, an dem sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal jährt. Zahlreiche Veranstaltungen sollen für ein erhebendes Gedenken sorgen, das das Volk vor allem vergessen lassen soll. Da die Berliner Mauer fast vollständig abgerissen wurde – was ich ebensowenig bedaure wie die Einheit Deutschlands -, hat man im armen Berlin keine Mühen und Kosten gescheut, und eine rund 15 Kilometer lange „Lichtgrenze“ errichtet, die an das historisch bedeutende Ereignis des Mauerfalls sowie die Freude über das glückliche Ende der Teilung erinnert.

„Mit welchem Maß ihr messt, wird man euch wieder messen“, so heißt es im Neuen Testament (Markus 4,2). Ein Satz, der vor allem den Mitgliedern von CDU und CSU geläufig sein dürfte. Ob sie ihn ernst nehmen, das wage ich zu bezweifeln. Denn wie kann man den Fall der Berliner Mauer bejubeln und feiern, und gleichzeitig kein Wort zu den Mauern und den Mauer-Toten in der Welt sagen?

Die längste Grenzmauer der Welt ist mit 3.400 Zaunkilometern die Anlage zwischen Indien und Bangladesch. Seit 2006 starben an dieser Mauer rund 1.000 Menschen. Das sind siebenmal so viele wie an der Berliner Mauer zwischen 1961 und 1989.

Entlang der Grenze zu Mexiko begannen die USA 2006 mit dem Bau einer rund 1.100 Kilometer langen Grenzanlage aus Mauern und Zäunen, um der illegaler Einwanderung und dem Drogenschmuggel zu begegnen. Laut Schätzungen des „Congressional Research Service“ belaufen sich die Kosten bis 2015 auf bis zu 49 Milliarden Dollar. Auf die Einwanderung hatte diese Mauer keinen Einfluß. Bereits 2007 kam der Vorsitzende des US-Ministeriums für „Homeland Security“, Michael Chertoff, zu der Erkenntnis, daß die Probleme „viel komplexerer Natur“ sind und man deshalb einen „breiteren Lösungsansatz benötigt als den Bau einer Mauer“. Daß es die gesellschaftlichen Probleme der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sind, konnte er natürlich nicht sagen. Die Zahl der Menschen, die an dieser Mauer sterben, wird auf 250 bis 500 jährlich geschätzt.

Um sich vor aufständischen Palästinensern zu schützen, baut Israel seit 2002 an einer 810 Kilometer langen Grenzmauer aus Beton, Zäunen und Stacheldraht entlang des westlichen Jordanufers. Ergänzt wird sie durch Elektrozäune, Gräben, Kameras, Bewegungsmelder und Militärkontrollpunkte. Wie die DDR-Führung ihre Mauer propagandistisch „Antifaschistischer Schutzwall“ nannte, so nennt Israels Regierung ihre Anlage „Mauer des Lebens“. Auf der anderen, der palästinensischen Seite nennt man sie „Mauer der Apartheid“. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag verurteilte diese Mauer als eine Schändung des internationalen Rechts.

Mauer von MelillaDie spanischen Enklaven Ceuta und Melilla in Marokko sind die einzige Landgrenze zwischen Afrika und der EU. Um Migranten den Zugang nach Europa zumindest zu erschweren, baute man einen 8,4 Kilometer lange Zaun, der in Ceuta nach dem Blutbad vom 25. September 2005 auf sechs Meter erhöht wurde. Die Flüchtlinge wurden damals von spanischer Seite mit Gummigeschossen und von marokkanischer Seite aus mit scharfer Munition beschossen, wodurch Dutzende Menschen den Tod fanden oder verletzt wurden. Im März 2014 und im Mai 2014 stürmten jeweils rund 1.000 verzweifelte Menschen den Zaun in Melilla, worauf Marokko einen hohen Zaun mit scharfen Spitzen errichtete. Wer nicht den Weg über die Enklaven des EU-Landes Spanien wählen möchte, der muß die „Berliner Mauer aus Wasser“, das Mittelmeer überwinden. Diese hat seit 1988 rund 20.000 Menschen das Leben gekostet.

25 Jahre nach dem Fall der 160 Kilometer langen Berliner Mauer will die Ukraine nun eine 2.300 Kilometer lange Mauer aus Erd- und Betonwällen, bestückt mit Wachtürmen, Bunkern und Alarmanlagen und einen fast ebenso langen vier Meter breiten Graben als „Schutzwall“ gegen Rußland errichten. Von Minen, Stacheldraht und einem Elektrozaun ist die Rede.
Der einstige Boxer und heutige Bürgermeister Vitali Klitschko – ein politischer Zögling der Konrad-Adenauer-Stiftung wie auch von „Bild“ – ging bereits die bundesdeutsche Regierung um Geld und „Know-How“ an, um diesen Plan umzusetzen. „Wir würden uns richtig freuen, Unterstützung von allen Freunden der Ukraine zu bekommen.“ Und tatsächlich bekundete die Merkel-Regierung ihr Verständnis für den Mauerbau – das Anliegen sei nachvollziehbar.

Die politisch-ideologischen Regisseure des feierlichen symbolischen Mauerfalls am morgigen Sonntag können den ukrainischen Wunsch nach einer Mauer nachvollziehen. Sie haben auch nichts gegen die völkerrechtswidrige Mauer des „Freundes“ Israel. Sie unterstützen das EU-Land Spanien bei der Abwehr von Flüchtlingen, damit diese nicht nach Europa und schon gar nicht nach Deutschland gelangen. Und sie tragen ihren Teil dazu bei, daß die „Berliner Mauer aus Wasser“ eine möglichst unüberwindliche Mauer bleibt.

Auch dies sollte an einem Tag wie dem morgigen 9. November laut ausgesprochen werden. Wo ist heute ein Politiker, der Reagans Forderung „Open this gate … tear down this wall“ wiederholt?

Klaus Wallmann sen.

Quelle: www.wallbreakers.eu
Fotos: www.wallbreakers.eu (Melilla), www.palaestina-portal.eu (Israel)

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· read: 2612 · today: 4 · last: 29. Juni 2016

2 Kommentare zu “Die Mauer muß weg!”

  1. richter sagt:

    Ein sehr guter Bericht. Er zeigt letztlich wie hohl diese deutsche Denke wirklich ist. Wenn die Bundeskanzlerin, die angeblich so in der DDR gelitten hat offen bekundet: Sie habe Verständnis für den Mauerbau der Ukraine denn das Anliegen sei nachvollziehbar, dann fällt einem nicht mehr allzu viel ein.
    Es wird höchste zeit, dass solche kranken Gehirne möglichst bald abgewählt werden…aber von wem ?
    Denn Merkel ist wie der FC Bayern der Politik…nur ohne Pep halt, von der Klasse mal ganz abgesehen !r

  2. Steffen Junghanß sagt:

    Guten Tag, vielen Dank für diesen Artikel.
    Diese Gedankengänge sind den meinen sehr sehr ähnlich.

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