Wie Herr Grözinger uns in die Irre führt

Ein „kluger Kopf“, der zu einem Robert Grözinger gehört, durfte in der FAZ seine „Kritik“ an der jüngsten „Kapitalismuskritik“ von Papst Franziskus (Evangelii Gaudium) breittreten, nachdem Herr Joffe das bereits in seiner „Zeit“ tat. Das ist um so erstaunlicher, als Herr Grözinger selbst erkennt, daß das Thema Wirtschaft „nur ein Nebenthema“ des apostolischen Schreibens war. Doch ganz offensichtlich stören ihn – wie seine Auftraggeber – darin enthaltene „hochbrisante Äußerungen“ wie z.B.: „Diese Wirtschaft tötet“.

Dem Papst wirft er vor, daß dieser zwar dazu auffordert, „die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff“ zu nehmen, ohne dies jedoch „mit mehr Substanz (zu) unterfüttern“. Denn „konkrete“ Ursachen nannte der Papst nicht, sondern er beschränkte sich auf eine „vage Klage gegen allzu freie Märkte“. Angesichts solcher „Unkenntnis“ wäre es nach Herrn Grözinger besser gewesen, Franziskus hätte diese unerfreulichen Bemerkungen unterlassen. Zudem sei die „Marktkritik“ des Papstes nicht stringent. So lobe Franziskus an anderer Stelle grundsätzlich die „edle Arbeit“ des Unternehmers, der in der Lage ist, „die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen“, und damit „dem Gemeinwohl zu dienen“.

Natürlich ist es nicht „die Wirtschaft“, die tötet, so Herr Grözinger, sondern, „wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will“, „der Staat“. Zum Beispiel der Staat, der „Mindestlöhne festlegt“, der „Höchstmieten festlegt“, der „Unternehmen reglementiert und besteuert, bis sie auswandern“, der „unproduktive Unternehmen subventioniert“. Der Staat ist auch schuld an der Inflation, durch die eine „betrügerische Umverteilung von unten nach oben“ verursacht wird, und als deren Folge „die Menschen“ viel „materialistischer und geldzentrierter denken“.

Weil es nun bereits Bemerkungen gäbe, die „eine grundsätzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren“, fühlt sich der kluge Kopf Grözinger berufen, Eulen nach Athen zu tragen, wobei er zum einen aus gutem Grund keinen Unterschied zwischen christlichem Glauben und institutioneller Kirche macht, zum anderen darauf hofft, daß seine Leser mit der Historie des Christentums nicht allzu vertraut sind. Dennoch oder gerade deswegen bemüht er „historische Fakten“.

Europa sei nicht zufällig die Kernregion des Christentums und der Entstehungsort des Kapitalismus. Biblische Gleichnisse setzen das Privateigentum als „unumstößliche(!) Institution“ voraus. Die vom „Neuen Testament“ vermeintlich überlieferten Gleichnisse des Jesus von Nazareth kritisieren nicht den „Wohlstand an sich“, sondern „dass manch ein Reicher der Versuchung nicht widerstehen kann, seinem Vermögen mehr zu vertrauen als Gott“.

„Vergessen“ hat Grözinger dabei offensichtlich das weit über das Christentum hinaus bekannte Wort vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, „als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“. Gleich drei Evangelisten legen es Jesus von Nazareth in den Mund (Markus 10,25; Lukas 18,25; Matthäus 19,24). Von interessierter Seite wird dieses Gleichnis gern so ausgelegt, daß dieses keinesfalls bedeute, daß die Unmöglichkeit wirklich unmöglich ist. Es sei nur sehr schwer für einen Reichen in den Himmel zu kommen. Doch bei Markus 10 heißt es nach diesem Satz, daß die „Rettung“ der Reichen vor der ewigen Verdammnis für Menschen unmöglich ist. Nur für Gott ist alles möglich. Sollte Gott das per se Unmögliche also möglich machen, so wäre das wohl die berühmte Ausnahme, die die Regel bestätigt. Eine eher seltene Ausnahme, denn bei Matthäus (6,24) findet sich ein Satz, der diesen „Reichen“ nahezu jede Hoffnung auf die Absolution Gottes nehmen sollte: „Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“

Grüzinger vermeldet weiter, daß die Bibel „an keiner Stelle“ der staatlichen oder anderweitigen gewaltsamen Umverteilung das Wort redet. Keinen Zweifel läßt er auch daran, daß wir uns dem Staat, der „Obrigkeit“ unterzuordnen haben.
Dabei vergißt er zum einen das „Halljahr“ des „Alten Testaments“, bei dem tatsächlich eine gesetzliche Umverteilung des Eigentums stattfindet, zum anderen läßt Matthäus (10, 34) Jesus folgenden Satz sprechen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Ein Schwert ist etwas sehr Gewaltsames. Es ist aber noch mehr. Der theologische Revolutionär Thomas Müntzer griff diesen Satz gegenüber den deutschen Landesfürsten auf. „Ein gottloser Mensch hat kein Recht zu leben, wo er die Frommen behindert … wie uns essen und trinken ein Lebensmittel ist, so ist es auch das Schwert, um die Gottlosen zu vertilgen.“ Denn die, die sich in Pelzmänteln kleiden und auf Seidenkissen sitzen, sind „Christo ain greuel“.

Die Entwicklung vom römischen Sklavenhalterstaat über den Feudalismus hin zum Kapitalismus wertet Herr Grözinger durchaus richtig als „kreative“ Zerstörungen des Alten, Überlebten, womit auch er, wie man sieht, nicht an Marx vorbeikommt. Doch hatte das nur am Rande mit der „Moral des ausgebeuteten, oft christlichen Mittelstandes“ zu tun, sondern vor allem mit den überlebten Produktionsverhältnissen, die den entwickelten Produktivkräften im Wege standen. Als die an die Macht strebende Bourgeoisie ihre bürgerlichen Revolutionen machte (um diesen gesellschaftlichen Widerspruch mit blanker Gewalt zu lösen), und dabei Königen – also der Obrigkeit, dem Staat – die Köpfe abschlug, war sie tatsächlich revolutionär, spielte sie ihre fortschrittliche Rolle in der Geschichte der Menschheit. Heutzutage ist das nicht mehr der Fall, denn wieder stehen die Produktionsverhältnisse den Produktivkräften im Weg. Herr Grözinger wiederholt dennoch das Mantra vom Privateigentum als „natürlicher Zustand“, und ruft dafür Thomas von Aquin, Grotius und Locke als Zeugen auf. Ihnen sei verziehen, doch ein kluger Kopf dürfte inzwischen wissen, daß die menschliche Gesellschaft jahrtausendelang in urkommunistischer Form bestand – sicher primitiv, aber ohne Privateigentum an Produktionsmittel. Denn darum geht es, wenn man von Privateigentum spricht – nicht um die vom Großvater geerbte goldene Taschenuhr.

Richtig ist dagegen wieder die Feststellung Grözingers, daß es falsch ist, wenn die Menschen an eine Erlösung durch die „Politik“ glauben, oder den Staat als „oberste Instanz“ betrachten. Denn die „oberste Instanz“ in einer Klassengesellschaft ist immer die in ihr herrschende Klasse, also die, die Leute wie Grözinger für ihre Apologien bezahlen, und der Staat ist das Machtinstrument dieser Klasse, mit dem es die anderen Klassen und Schichten unterdrückt.
Grözinger hat auch Recht mit der Feststellung, daß die vermaledeiten Äußerungen des Papstes repräsentativ für die Unkenntnis vieler Menschen über „die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft“ sind. Daß der Autor selbst als Ökonom und Schriftsteller tatkräftig dafür sorgt, daß diese Unkenntnis dem Volke ebenso erhalten bleibe wie die gute, alte Religion, wird aus seinen Schriften offenbar. Einem Katholiken, einem Papst „kritische“ Äußerungen vorzuhalten, die letztendlich ebenfalls nur dazu bestimmt sind, die christlichen Arbeit“nehmer“ erneut mit Hoffnung abzuspeisen, ihm quasi vorzuwerfen, er sei kein Marx, das zeugt von sehr viel Chuzpe.
Schon einmal fühlte sich ein Papst berufen „Kapitalismuskritik“ zu üben. Die Arbeiterklasse, das Proletariat war entstanden, und bereitete der herrschenden Klasse zunehmend Probleme. Da meldete sich 1891 Papst Leo XIII. zu Wort. Seine Enzyklika „RERUM NOVARUM – Über die Arbeiterfrage“ enthält sehr viel Schönes und Wahres – geholfen hat sie jedoch nicht den Arbeitern.

„Ist das Christentum eine marktfeindliche Religion? Ist es eine Religion für die Armut, gegen die Reichen?“ So leitet die FAZ den Artikel des klugen Kopfes Grözinger ein. Und wer den ganzen Schmonzes nicht in seiner herrlichen Gänze lesen will, der wird schon an dieser Stelle mit einer Antwort versorgt. „Ganz im Gegenteil: Aus dem Christentum heraus sind entscheidende Grundlagen für den Kapitalismus entstanden.“ Das will ich aber meinen. Der christliche Glaube wurde von der herrschenden Klasse zum herrschenden Glauben gemacht, nachdem er ihren Machtinteressen dienen konnte. Ebenso wie die institutionelle Kirche.

In „Jugend ohne Gott“ beschreibt Ödön von Horváth ein Gespräch mit einem Pfarrer, in dem übrigens auch das Kamel-Zitat eine Rolle spielt. Selbstverständlich stehe ich nicht hinter allem, was Horváth hier ausführt, doch dieser bürgerliche Literat ist in jedem Fall der Grözingerschen Papier- und Zeitverschwendung vorzuziehen.

„Darf man offen reden?“
„Nur!“
„Ich denke, daß die Kirche immer auf der Seite der Reichen steht.“
„Das stimmt. Weil sie muß.“
„Muß?“
„Kennen Sie einen Staat, in dem nicht die Reichen regieren? ‚Reichsein‘ ist doch nicht nur identisch mit ‚Geldhaben‘ – und wenn es keine Sägewerksaktionäre mehr geben wird, dann werden eben andere Reiche regieren, man braucht keine Aktien, um reich zu sein. Es wird immer Werte geben, von denen einige Leute mehr haben werden als alle übrigen zusammen. Mehr Sterne am Kragen, mehr Streifen am Ärmel, mehr Orden auf der Brust, sichtbar oder unsichtbar, denn arm und reich wird es immer geben, genau wie dumm und gescheit. Und der Kirche, Herr Lehrer, ist leider nicht die Macht gegeben, zu bestimmen, wie ein Staat regiert werden soll. Es ist aber ihre Pflicht, immer auf Seiten des Staates zu stehen, der leider immer nur von den Reichen regiert werden wird.“ …
Er leert wieder sein Glas. Ich frage plötzlich: „Wenn also die staatliche Ordnung gottgewollt –“
„Falsch!“ unterbricht er mich. „Nicht die staatliche Ordnung, sondern der Staat ist naturnotwendig, also gottgewollt.“
„Das ist doch dasselbe!“ „Nein, das ist nicht dasselbe. Gott schuf die Natur, also ist gottgewollt, was naturnotwendig ist. Aber die Konsequenzen der Erschaffung der Natur, das heißt in diesem Falle: die Ordnung des Staates, sind ein Produkt des freien menschlichen Willens. Also ist nur der Staat gottgewollt, nicht aber die staatliche Ordnung.“ „Und wenn ein Staat zerfällt?“
„Ein Staat zerfällt nie, es löst sich höchstens seine gesellschaftliche Struktur auf, um einer anderen Platz zu machen. Der Staat selbst bleibt immer bestehen, auch wenn das Volk, das ihn bildet, stirbt. Denn dann kommt ein anderes.“
„Also ist der Zusammenbruch einer staatlichen Ordnung nicht naturnotwendig?“
Er lächelt: „Manchmal ist solch ein Zusammenbruch sogar gottgewollt.“
„Warum nimmt also die Kirche, wenn die gesellschaftliche Struktur eines Staates zusammenbricht, immer die Partei der Reichen? …“
„Weil die Reichen immer siegen.“
Ich kann mich nicht beherrschen: „Eine feine Moral!“
Er bleibt ganz ruhig: „Richtig zu denken, ist das Prinzip der Moral.“ Er leert wieder sein Glas. „Ja, die Reichen werden immer siegen, weil sie die Brutaleren, Niederträchtigeren, Gewissenloseren sind. Es steht doch schon in der Schrift, daß eher ein Kamel durch das Nadelöhr geht, denn daß ein Reicher in den Himmel kommt.“
„Und die Kirche? Wird die durch das Nadelöhr kommen?“
„Nein“, sagt er und lächelt wieder, „das wäre allerdings nicht gut möglich. Denn die Kirche ist ja das Nadelöhr.“
Dieser Pfaffe ist verteufelt gescheit, denke ich mir, aber er hat nicht recht. Er hat nicht recht! Und ich sage: „Die Kirche dient also den Reichen und denkt nicht daran, für die Armen zu kämpfen –“
„Sie kämpft auch für die Armen“, fällt er mir ins Wort, „aber an einer anderen Front.“

Herr Grözinger stellt am Ende seines FAZ-Artikels fest: „Innere Widersprüche halten aber nicht ewig. Es bleibt die Hoffnung, dass sich eines Tages wieder mehr Christen auf die unverzichtbaren, freiheitlichen Grundlagen ihres Glaubens besinnen werden.“ Mit ersterem ist er offensichtlich wieder bei Marx, auch wenn der kluge Kopf es natürlich ganz anders meint. Die von ihm geäußerte Hoffnung möchte ich auf alle Menschen ausdehnen, die von der herrschenden Kapitalistenklasse unterdrückt, ausgebeutet und getötet werden. An sie richtete Rosa Luxemburg vor gut einhundert Jahren die rhetorische Frage: „Ist nicht die Tatsache allein, daß wir heutzutage … uns fragen, ob … durch einen Machtspruch einer Handvoll Kapitalisten Hunderttausende von Männern und Frauen auf das Straßenpflaster geworfen werden – ist das nicht Beweis genug für den Blinden, daß eine solche Gesellschaftsordnung wert ist, daß sie zum Teufel gejagt wird?“

Klaus Wallmann sen.

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· read: 2478 · today: 4 · last: 27. September 2016

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