Navigation

Artikel

TOP 50

Archiv

Notwendiges


« | START | »

Bertelsmann-Stiftung: Beim Lügen erwischt

Von Klaus Wallmann sen | 22. März 2013

Die Bertelsmann-Stiftung berichtete, daß 2030 knapp 50 Prozent und 2060 schon 63 Prozent der deutschen Bevölkerung 65 Jahre und älter sein werden.

Man bezog sich dabei auf eine Studie der Uni Bochum. In der aber steht, daß 2060 der Altenquotient 63 betrage, d.h. auf 100 Erwerbsfähige(!) kommen 63 Ältere. Neben den Erwerbsfähigen gibt es aber auch 2060 noch Kinder und Jugendliche, so daß der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung 2060 knapp 33 Prozent beträgt.

Die Demographie-”Experten” von Bertelsmann kommen fast auf das Doppelte.

Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirische Wirtschafts- und ­Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, Koautor des Buches “Lügen mit Zahlen: Wie wir mit Statistiken manipuliert werden” (www.luegen-mit-zahlen.de), hält es in einem Interview mit der “jungeWelt” für möglich, daß dieser “Schnitzer” nur deshalb passierte und durch die Medien gejagt wurde, um “mit aller Macht die Rente erst ab 69 durchpeitschen (zu) wollen”.

Und er verweist auf die 2006 in ähnlicher Form verbreitete Falschmeldung, daß Deutschland weltweit die niedrigste Geburtenrate hätte. Tatsächlich lagen wir in der EU diesbezüglich auf Platz 15 (von 25), und eigentlich jeder wußte, “daß die Geburtenraten in Italien, Spanien und Rußland niedriger waren”. Damals war es der “Sozialdemokrat” Müntefering, der die Falschmeldung als Argument für die “Rente mit 67″ nutzte.

Inzwischen haben die “Experten” die Meldung “korrigiert”. Nicht ohne hinzuzufügen, daß sich an ihrer “Einschätzung zur Zukunft des Rentensystems … dadurch keine Änderungen” ergeben*. Was Prof. Bosbach als “Frechheit” bezeichnet. Allerdings werde daran auch klar, daß die Bertelsmann-Stiftung “keine neutrale wissenschaftliche Instanz” ist, sondern gelenkt wird von “eigenen Interessen”. Wobei die “eigenen” Interessen dieser Stiftung – und das sagt Prof. Bosbach leider nicht – natürlich die Interessen der herrschenden Klasse sind, zu der die führenden Bertelsmänner gehören. Ihre Falschmeldung samt Korrektur macht deutlich, daß eines der derzeitigen Interessen die Durchsetzung der “Rente mit 69″ ist – “egal wie die Zahlen lauten”.

Prof. Bosbach geht zu Recht davon aus, daß sich an der Methode, mit “grob falschen Aussagen” die Massen zu manipulieren, auch in der Zukunft nichts ändern wird. “Das läuft nicht über Vernunft, sondern nach Interessen. Und für große Interessen wird Kapital kühn, wie schon Karl Marx feststellte. Dagegen ist die Verdrehung von Fakten ja fast noch human und bleibt juristisch wie medienmäßig unbestraft.”

Bosbachs Hinweis auf “die Regierenden”, die sich auch weiterhin “von denen beraten lassen”, könnte den Eindruck erwecken, als seien diese ahnungslos. Doch als politische Geschäftsführer der herrschenden Klasse haben sie deren Interessen durchzudrücken – “egal wie die Zahlen lauten”.

Klaus Wallmann sen.

* In der “Aktualisierten Fassung vom 15. März 2013″ heißt es wortwörtlich: “In einer früheren Version dieser Pressemitteilung ist uns ein Fehler unterlaufen. Unsere Formulierung ließ den Schluss zu, dass derzeit ein Drittel und im Jahr 2060 63 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre sind. Unsere Studie weist auf Seite 16 ff jedoch aus, dass es sich hierbei um den Altenquotienten handelt, also das Verhältnis der über 65-Jährigen zum Erwerbspersonenpotenzial. An unserer Einschätzung zur Zukunft des Rentensystems in Deutschland ergeben sich dadurch keine Änderungen …”

Und im “aktualisierten” Text heißt es nun:
“Eine Kennziffer, die diese Verschiebung im Altersaufbau anzeigt, ist der Altenquotient. Er setzt die Zahl der Personen im Alter von 65 Jahren und darüber ins Verhältnis zu je 100 Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren …” – In der Formulierung “Personen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren” stecken offen sichtlich die Erwerbsfähigen. An der Gesamtbevölkerung fehlen weiter die Kinder! Und wenn ich Prof. Bosbach richtig verstanden habe, ist die Kennziffer “Altenquotient” keine Prozentzahl. Im “aktualisierten” Bertelsmann-Artikel heißt es aber immer noch: “Dieser Anteil … wird … bis 2060 weiter auf rund 63 Prozent ansteigen.” Gemeint ist aber nicht der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung, sondern nur das Verhältnis zur Gruppe der Erwerbsfähigen. Mal sehen, welcher Politiker demnächst mit dieser Zahl hausieren geht. Trotz “Korrektur”.


Stichworte: Bertelsmann, Demagogie, Demographie, Experten, Forschung, Kapital, Lüge, Medien, Politik, Presse, Propaganda, Rente, Rente mit 67, Rente mit 69, Statistik, Studie, Volksverdummung, Wirtschaft, Wissenschaft

Verwandte Artikel

Thema: Medien, Politik | Keine Kommentare »
Pings sind abgeschalten.

Druckversion Druckversion

· read: 1559 · today: 3 · last: 23. Mai 2013

Kommentare